Auch diejenigen, die Mitgliedern der Hizmet-Bewegung, die während des Ausnahmezustandes suspendiert und verhaftet wurden, bei der Flucht halfen, bekamen die Unterdrückung zu spüren. Halime Gülsu (34), eine Englischlehrerin aus Mersin, war eine von ihnen.

Gülsu lebte bei ihrer Mutter, da ihre Schule nach dem 15. Juli geschlossen wurde. Währenddessen half sie auf sich selbst gestellten Kindern, deren Eltern verhaftet worden waren. Dies wurde als Verbrechen eingestuft und sie wurde am 20. Februar 2018 in Gewahrsam genommen.

Nachdem sie zwölf Tage in Haft verbracht hatte, wurde sie per Entscheid des Strafgerichts von Mersin am 3. März 2018 in das geschlossene Frauengefängnis Tarsus Nr. 3 verlegt. Auf ihrer Station befanden sich 21 Frauen, deren Schicksal dem ihren glich. Doch Halime Gülsu war krank. Sie litt an systemischem Lupus erythematodes (einer Autoimmunerkrankung, die mehrere Organe betreffen kann), seit sie ein Kind war. Die ihr verschriebenen Medikamente wurden ihr während der Zeit der Haft nicht verabreicht. Die Rezepte, die von ihrer Familie bei der Polizei abgegeben worden waren, waren verloren gegangen, und ohne die Rezepte konnte sie ihre Medikamente nicht bekommen. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Sie hat die Gefängnisverwaltung immer wieder schriftlich über ihre Krankheit informiert. Aber weder der Arzt des Gefängnisses noch die Ärzte im öffentlichen Krankenhaus von Tarsus haben reagiert.

Frühmorgens am 28. April 2018 fiel Halime Gülsu in ein Koma und starb kurz darauf. Sie starb, weil sie ihre Medikamente nicht bekam und nicht behandelt wurde. Sie verbrachte zwei Monate voller Schmerzen im Gefängnis. Ihr Zustand verschlechterte sich in den letzten beiden Tagen; sie brauchte sogar die Hilfe ihrer Freundinnen auf der Station, um auf die Toilette zu gehen.

Vier Tage vor ihrem Tod schrieb Gülsu einen dreiseitigen Brief an das Kommunikationszentrum des Premierministers (BIMER), in dem sie schildert, was sie während ihrer Zeit in der Haft und im Gefängnis durchgemacht hat. Sie beendete ihren Brief mit den Worten: „Meine Krankheit ist ernst und tödlich. Ich fordere die Einleitung der notwendigen rechtlichen Schritte in der Polizeibehörde von Mersin, im geschlossenen Gefängnis von Tarsus und im öffentlichen Krankenhaus von Tarsus in Bezug auf alle Mitarbeiter, die ihre Pflichten vom ersten Tag meiner Inhaftierung an, während meiner Inhaftierung bis zu dem Tag, an dem ich diesen Brief schreibe, vernachlässigt haben“, und stellte somit Strafanzeige. Dieses Schreiben kam ein Jahr nach ihrem Tod dank der Bemühungen von Ömer Faruk Gergerlioğlu ans Licht, der Parlamentsabgeordnete der HDP aus Kocaeli, der auch Mitglied des Menschenrechtsausschusses der Türkischen Nationalversammlung ist.

Die Nichtregierungsorganisation MAZLUM untersuchte den Tod von Halime Gülsu und veröffentlichte am 19. Mai 2019 einen Bericht, demzufolge die junge Lehrerin ihr Leben aufgrund von Fahrlässigkeit verlor. Das beweist einer der Sätze einer Freundin auf der Station: „Sie haben ihr kein Wasser gegeben, sie war in einem Zustand, in dem sie nicht einmal laufen konnte, ihre Zunge rutschte in den Hals zurück und wir zogen sie mit einem Löffel heraus, die ihr verschriebenen Medikamente wurden ihr nicht gegeben.“ Aber der Fall wurde trotzdem nicht untersucht. Die Staatsanwaltschaft von Mersin entschied, dass eine Strafverfolgung nicht erforderlich sei und stellte den Fall ein.

Was von Halime Gülsu nach zwei Monaten in der Abteilung A-7 des geschlossenen Frauengefängnisses von Tarsus übrigbleibt, ist dieses Foto mit dem blumengemusterten Kopftuch und die Schachteln mit den letzten Medikamenten, die sie noch bekommen konnte, beides Schenkungen ihrer Familie an das Tenkil-Museum.

Tenkil Müzesi Enstalasyon Eşyaları ve Diğer Fotoğraflar