In einem belgischen Gerichtsgebäude werden derzeit Gegenstände und Utensilien von Personen ausgestellt, die den Repressalien der türkischen Regierung zum Opfer gefallen sind. Das Gerichtsgebäude befindet sich in Limburg-Hasselt, der östlichsten Provinz der belgischen Region Flandern.

Diese Ausstellung heißt Tenkil Museum. Auf Deutsch bedeutet dieser Begriff unter anderem Vertreibung. Hier werden derzeit private Gegenstände von Personen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, ausgestellt, die in den letzten vier Jahren vor dem Erdogan Regime geflohen sind und dabei zum Teil ihr Leben verloren haben. Das Museum ist seit dem 1. November eröffnet und wird insgesamt eine Woche dauern. Veranstalter der Ausstellung ist die Fedactio, Verband aktiver Vereine in Belgien. Doch der Verband ist nicht alleine. Auch Amnesty International in Limburg Hasselt beteiligt sich an der Ausstellung mit einem Stand, bei dem die Besucher Briefe unterschreiben können, die während der Ausstellung entstehen.

ERTRUNKENE IN DER ÄGÄIS UND OPFER VON FOLTER

Aufgrund der Repressionen in der Türkei gegen Oppositionelle, wurden in den vergangenen Jahren unter anderem gegen 500 Tausend Personen aus dem Umfeld der Gülen Bewegung Ermittlungen geführt. Mehr als 100 Tausend unter ihnen wurden festgenommen.

Darunter waren zahlreiche Kranke und Frauen, die unmittelbar nach ihrer Entbindung in türkischen Krankenhäusern verhaftet wurden. Halime Gülsu war eine von ihnen. Sie war verstorben, nachdem ihr im Gefängnis lebenswichtige Medikamente nicht verabreicht wurden. Gegenstände von Halime Gülsu und ihre persönliche Geschichte werden in der Ausstellung vorgestellt.

Die Opfer in der Türkei bezeichnen ihre Erlebnisse als „tenkil“, also „Vertreibung“. Doch dieser Begriff bedeutet auch „Ausrottung, vollständige Zerstörung“. Insofern kommt sie dem Begriff Genozid nah.

Zur Zielscheibe des Erdogan Regimes werden größtenteils Personen mit einer guten Bildung. Das sieht man auch in dieser Ausstellung.

Gökhan Açıkkollu war Lehrer und einer der Opfer. Açıkkollu starb im Gefängnis in Istanbul an den schweren Folgen von Folter. Seine während der Folter gebrochene Brille und seine blutige Bekleidung wurden an seine Angehörigen übergeben. Diese werden nun im Gerichtsgebäude in Limburg-Hasselt ausgestellt.

Auch die letzten Teile von Personen, die auf der Flucht vor dem Erdogan Regime in der Ägäis ertrunken sind, werden derzeit in Belgien ausgestellt. Darunter beispielsweise Kleidungsstücke und Gegenstände von Babys und Kleinkindern, die die Flucht nicht überlebt haben.

Daneben werden auch Teile von Personen ausgestellt, die die Ausreise aus der Türkei geschafft haben. Einigen dieser Personen kann man in der Ausstellung sogar begegnen. In Konferenzen berichten sie von ihren Erlebnissen und ihrer Flucht vor dem Erdogan Regime.

Amnesty International führt derzeit in zwei Fällen eine Textaktion. Dabei handelt es sich um zwei Türken, die spurlos verschwunden sind. Bis heute ist unbekannt, was ihnen zugestoßen ist.

In einer gemeinsamen Erklärung haben Fedactio und Amnesty International bekanntgegeben, dass die Ausstellung bei den Bewohnern von Hasselt auf großes Interesse gestoßen ist. Die Briefe hätten bereits jetzt zahlreiche Unterschriften gesammelt.

Die Ausstellung Tenkil läuft noch bis zum 10. November und ist täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

https://www.hbvl.be/cnt/dmf20191105_04701318/amnestygroep-hasselt-in-de-bres-voor-turkse-slachtoffers